Tageslicht
Einordnung
Tageslicht vs. Kunstlicht
Wirkung von Licht
Zur systematischen Einordnung der Lichtwirkung lässt sich die Beziehung zwischen dem physikalischen Lichtreiz und den daraus resultierenden menschlichen Reaktionen als mehrstufiger Prozess verstehen. Ausgangspunkt ist die Umgebungsbeleuchtung, die über das Auge in das visuelle System gelangt und dort verarbeitet wird. Der Lichtreiz selbst wird durch vier grundlegende Parameter charakterisiert: das Temporal Pattern, das Zeitpunkt und Dauer der Exposition beschreibt, das Spatial Pattern als räumliche Verteilung des Lichts im dreidimensionalen Lichtfeld, das Light Spectrum als spektrale Zusammensetzung und damit als Bestimmungsgröße der Farbeigenschaften sowie das Light Level als Maß für die Lichtmenge. Diese Faktoren bestimmen gemeinsam die biologische Potenz des Light Stimulus (Houser und Esposito 2021).
Die weitere Verarbeitung erfolgt über zwei funktional unterschiedliche, jedoch miteinander verknüpfte Signalwege: den visuellen und den nicht-visuellen Pfad. Während der visuelle Pfad primär für Sehen, visuelle Leistungsfähigkeit und visuelles Erleben verantwortlich ist, steuert der nicht-visuelle Pfad circadiane, neuroendokrine und neuroverhaltensbezogene Prozesse. Beide Systeme wirken parallel und beeinflussen sich gegenseitig, sodass die resultierende Lichtwirkung stets als Gesamtreaktion des Organismus zu verstehen ist (Houser und Esposito 2021).
Visuelle Lichtwirkung
Nicht-visuelle Lichtwirkung
Abbildung 01: Relative spektrale Sensitivitätsfunktionen (-opic action spectra) der Photorezeptoren
Quelle: Eigene Darstellung nach CIE S 026/E:2018
Ausblick
Fenster und Fassaden übernehmen weit mehr als nur die Belichtung von Innenräumen – sie schaffen eine visuelle Verbindung zur Umwelt, die es ermöglicht, Veränderungen in dieser wahrzunehmen (Ko et al. 2022). Von besonderer Bedeutung sind dabei kontextbezogene Informationen wie Ort, Tageszeit, Wetter, Natur und menschliche Aktivitäten (DIN EN 17037:2022-05). Der Einfluss solcher Ausblicke auf den Menschen reicht von physiologischen und psychologischen Wirkungen bis hin zu vielfältigen positiven Effekten auf Gesundheit und Wellbeing (u.a. Beute und Kort 2014), auf die kognitive Leistungsfähigkeit (Jamrozik et al. 2019; Ko et al. 2020), auf die Reduktion von Stress und Unbehagen (Aries et al. 2010; Benfield et al. 2015) sowie auf das emotionale Befinden (Ko et al. 2020).
Darüber hinaus kann der Aspekt des Ausblicks auch für die Augengesundheit relevant sein. Sehen zählt zu den komplexesten und energieintensivsten Funktionen des menschlichen Körpers. Es wird daher empfohlen bei Tätigkeiten im Nahbereich – etwa beim Blick auf Smartphones, Computerbildschirme oder beim Lesen –, die Augen alle 20 Minuten durch einen Blick in eine Entfernung von mindestens sechs Metern zu entlasten. So kann sich die Augenmuskulatur entspannen und die Befeuchtung des Auges besser aufrechterhalten werden. Ein qualitativ ansprechender Ausblick bietet hierfür nicht nur die notwendige Distanz, sondern auch die Motivation, diese Pausen tatsächlich einzulegen (Altomonte et al. 2020). In einer weiteren Untersuchung zeigte sich ein Zusammenhang zwischen Ausblicken und verbessertem Schlaf bei Büroangestellten, was sich wiederum positiv auf Gesundheit und kognitive Leistungsfähigkeit auswirken kann (Boubekri et al. 2014). Dies könnte durch die Erkenntnis, dass attraktive Ausblicke die circadiane Stimulation deutlich erhöhen können (Aries et al. 2015), erklärt werden.
Die Vielzahl der nachgewiesenen Vorteile unterstreicht die Bedeutung des Ausblicks für die Planung von Fassaden und Gebäuden. Hierzu lassen sich drei wesentliche Faktoren defineiren: den Inhalt der Aussicht, den Zugang zum Ausblick und die Klarheit des Ausblicks (Ko et al. (2022). Der Inhalt der Aussicht umfasst die Gesamtheit der visuellen Eindrücke im Blickfeld, darunter Natur, bebaute Umgebung und Himmel. Dieser Ansatz steht im Einklang mit den drei Sichtebenen der DIN EN 17037 – Boden, Umgebung und Himmel (DIN EN 17037:2022-05). Sind alle drei Ebenen sichtbar, können sämtliche relevanten Umweltveränderungen wahrgenommen werden. Der Zugang zum Ausblick beschreibt, welche Sichtbeziehungen den Nutzenden von einer bestimmten Position im Raum – beispielsweise einem Arbeitsplatz – zur Verfügung stehen. Er wird maßgeblich durch die geometrische Beziehung zwischen Nutzer und Fensterfläche bestimmt. Die Klarheit des Ausblicks bezieht sich darauf, wie deutlich der Inhalt der Aussicht wahrgenommen werden kann. Sie hängt sowohl vom gestalterischen Konzept als auch von den Eigenschaften der Verglasungen (Farbwidergabeindex Ra) und Sonnenschutzsystemen ab, die die visuelle Qualität des Ausblicks beeinflussen können (Ko et al. 2022).
Ein weiterer wesentlicher Aspekt bei der Planung von Ausblicken durch Öffnungen in der opaken Gebäudehülle besteht in der Wahrung der Privatsphäre. Der Ausblick nach außen ermöglicht zugleich potenzielle Einblicke in das Gebäudeinnere und damit auch in die Privatsphäre der Nutzenden. Eine als unangenehm empfundene Exposition kann dann wiederum zu einer Beeinträchtigung des Komforts und Wohlbefinden führen (Rohde et al. 2020).
Die normative Bewertung des Ausblicks erfolgt in Deutschland primär über die DIN EN 17037, die mit dem No-Sky- bzw. No-Ground-Line-Verfahren sowohl den Inhalt als auch den Zugang zum Ausblick quantifizierbar macht. Ergänzend formuliert die Arbeitsstättenrichtlinie ASR A3.4 neben geometrischen Mindestanforderungen auch qualitative Vorgaben zur Klarheit des Ausblicks. Die DGNB verweist in ihrem Zertifizierungssystem im Wesentlichen auf die Systematik der DIN EN 17037 und ergänzt diese lediglich in wenigen Nutzungsprofilen um spezifische Anforderungen.